Das romanische Kruzifix

Im Zentrum der Basilika steht auf dem Kreuzalter das romanische Kreuz aus dem 11. Jahrhundert.

Zu seiner Geschichte:

Das Bild des Gekreuzigten

Die Geschichte des Kruzifixes geht zurück bis ins 11. Jahrhundert. Nachrichten aus dem 13. Jahrhundert sprechen von der starken Verehrung des ,,wunderbaren Kreuzes". Die silberne Krone auf dem Haupte ist eine Zutat des 17. Jahrhunderts. In besonders inniger Beziehung zu dem uralten Denkmal stand der Laienbruder Theophilus vom Heiligen Kreuz aus dem Paulanerorden, der im nahen Markt Rettenbach in einer an die Maria-Schnee-Kapelle angebauten Wohnung als Klausner lebte und 1763 verstarb. Von ihm verwahrt das Archiv der Abtei drei handschriftliche Dokumente. Das früheste, datiert vom 20. Juli 1757, ist eine Art Denkschrlft zur Würdigung des von ihm in frommer Hingebung verehrten Kreuzbildes, das er lange Zeit ,,zu Röthenbach andächtig verehrt und in Verwahrung gehabt" hat. Die beiden anderen Zeugnisse sind Briefe vom 29. Juli 1758 und 5. April 1759. Ergänzt man diese Nachrichten durch andere aus der Klostergeschichte, so ergibt sich in einfachen Zügen das folgende Bild:

Bruder Theophilus kennt die Überlieferung, dass der Gekreuzigte mit dem Abt Conrad (+ 1229) geredet und ihm viele andere Gnaden erzeigt habe. Zum erstenmal sah Theophilus 1714 das Kreuzbild in der Totenkapelle des Klosters im Zustand des Verfalls. Dennoch ergriff ihn daran etwas unbestimmbar Besonderes. Er fühlte, wie der Heiland ohne ein ,,Vocal Stim" ihm ,,zu hertzen redete": ,,Leide, wenn du mich betrachtest ... Ohne Leiden mich verachtest -."

Durch die baulichen Veränderungen des Jahres 1716 verlor das Bild seinen alten Platz und wurde dem Bruder Theophilus überlassen. Aus erbettelten Mitteln ließ er es wieder instand setzen und betete fortan ,,täglich das Officium de Passinne Christi".

Am 8. Januar 1722 zog er in die ,,Eremitage zu Röthenbach", nachdem er das ,,liebste Bild' ans Kloster zurückgegeben hatte. Auch das Leben dieses echten Frommen war nicht ohne Versuchungen; umso mehr verlangte er immer wieder nach erneuter Gegenwart des Kreuzes. Er erhält es abermals 1734 unter der Bedingung, dass es künftig wieder an die Abtei zurückgelange. Er schreibt sich selbst einen bestimmten Ritus der Verehrung vor, auch für andere, die seine Klause betreten. Das Kreuz wurde ihm in den vielen Anfechtungen die er zu bestehen hatte, zu einer so großen geistlichen Kraft, - ,,dass ich die sonderbar hilfreiche Gegenwart Gottes ganz unbezweifelt genossen, insonderheit nächtlicher Zeit." In der Wahrhaftigkeit seines feinen Herzens berichtet Bruder Theophilus aus seinem Gebetsumgang mit dem Kreuzbilde von außernatürlichen Erlebnissen, die aber als wunderbar zu bezeichnen kein Grund gegeben ist. Wir wissen aus dem Leben vieler Frommen, auch bedeutender Heiliger, dass Vorgänge, die sich für ihren Eindruck in der Außenwelt abspielten, doch das Erzeugnis ihrer eigenen Seele waren. Das hindert uns nicht, zu glauben, dass solche ungewöhnlichen Erfahrungen eine Weise der göttlichen Gnade sein können, auf das Innere eines Menschen einzuwirken.

Theophilus schöpfte aus seiner Kreuzesverehrung allmählich den Antrieb, eine Bruderschaft ,,unter dem Titel der Ewigen Anbetung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu stiften". Er glaubte sich durch die Stimme des Gekreuzigten zu einem Reformwerk ermahnt: ,,Die alte Wüste sollte wiederum erneuert werden." Seine Absicht hat den Beistand der seligen Franziskanerin Maria Crescentia von Kaufbeuren, von der er 15 Briefe sorgfältig verwahrt. Als sie 1744 starb, bestand ihr Vermächtnis an ihn in der Ermahnung, die Göttliche Majestät um die Erzeigung ihres Willens in dieser Sache zu bitten. Unter den Verehrern des Ottobeurer Kreuzes hatte auch der 1739 im Rufe der Heiligkeit verstorbene, aus Oberstdorf stammende Prämonstratenserabt von Rot an der Rot, Hermann Vogler, den Bruder Theophilus in der Überzeugung bestärkt, dass er mit einem Bruderschaftsplan, den er erwog, dem Anruf der göttlichen Stimme folge.

,,Da nun aber die Zeit gekommen war, wie denn alles von Gott seine bestimmte Zeit hat, dass dieses Heilige Pfand sollte in öffentliche Veneration kommen, zur Beförderung der Glorie Jesu Christi und dem Heil der Seelen, zu Trost und Hilfe derer, die Hilfe suchen bei diesem uneröffneten ... göttlichen Gnadenfluss, von dem in vielen nachkommenden Zeiten als einem Segen wird gesprochen werden - wie ein heimlicher schon über 600 Jahre von der göttlichen Vorsehung dem uralten Reichsgotteshaus Ottenbeuren vorbehaltener Schatz" -, vernahm Theophilus im Gebet den Willen des Gekreuzigten: ,,Ich will wiederum nach Haus." Ottobeuren begehrte das Kreuz zurück. Beim Abschied, am 18. Oktober 7756, war sein Schmerz sehr groß, - , es wurde mir das Herz aus dem Leibe genommen", aber nicht minder groß war der ,,starke innerliche Antrieb", dem Reichsgotteshaus seinen Schatz zurückzugeben, einen ,,Stammbaum des Lebens", von dessen Früchten der Geist des hochheiligen Vaters Benediktus wiederum soll und wird erneuert werden.

Es war ihm gewiss, ,,dass alle, so bei diesem Gnadenbild Hilfe suchen und Trost erhalten wollen, am sichersten werden erhört werden, wenn sie die letzten, von unserem Heiland am Kreuz gesprochenen Worte andächtig betrachten und mit sieben Paternostern und ebensovielen Ave Maria verehren werden ... Schließlich, da ich am 18. November 1756 dieses liebste Kruzifixbild im Chor besuchte, bin ich ganz in Verwunderung gesetzt worden, als ich den Geist des Herrn an diesem Ort verspürte ... Es ist mein einziger Wunsch, dass solches allzeit sollte hier verbleiben."

Der Text von Joseph Bernhart (†) ist entnommen aus dem Büchlein "Wir wallfahren" zum 1200-jährigen Bestehen der Abtei aus dem Jahre 1964.


Der Kreuzaltar mit dem Gnadenkreuz
Der Kreuzaltar mit dem Gnadenkreuz