"Damit Gott in allem verherrlicht wird."

Ein Tag in der 1225jährigen Geschichte der Benediktinerabtei Ottobeuren

Heute leben hier 18 Mönche im Alter zwischen 25 und 80 Jahren nach der Regel des hl. Benedikt unter ihrem Abt Paulus. Der jüngste hat seine Zeit im Kloster eben erst begonnen. In seinem einjährigen Noviziat wird er lernen müssen, sich in die Gemeinschaft, in den Tagesrythmus, in die Lebensgewohnheiten und Gebräuche und in die Aufgaben und Dienste innerhalb und außerhalb des Klosters einzufügen.

Das Chorgebet als Lobpreis Gottes

Es ist 5.05 Uhr. Fr. Josef läutet die Konventglocke, um die Mitbrüder zu wecken und zum Chorgebet um 5.30 Uhr zu rufen. Mit der Anrufung Gottes um den Hl. Geist eröffnet der Vorbeter die Vigil: "Herr, öffne meine Lippen", und der Mönchskonvent stimmt ein: "damit mein Mund dein Lob verkünde". Der Lobpreis Gottes ist das zentrale Anliegen des hl. Benedikt, damit Gott "in allem verherrlicht werde" (Regel 57,9). Darum teilt er den Tag genau ein: "Zu diesen Zeiten also bringen wir unserem Schöpfer Lob dar: zu den Laudes, zur Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet, und bei der Nacht stehen wir auf, um ihn zu preisen (das ist die Vigil)" (Regel 16,5). Und das sonntags, montags, dienstags, ... im Frühling, Sommer Herbst und Winter. Doch so sehr der hl. Benedikt das Chorgebet als Lobpreis Gottes versteht, bringt es auch am besten zum Ausdruck, was Mönchtum bedeutet. Wenn sich die Mönche nämlich täglich - und das mehrmals - zusammenfinden und gemeinsam Psalmen singen, auf Gottes Wort hören und beten, zeugen sie von der Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi, die sie erwarten wie im Evangelium die Jungfrauen den Bräutigam. Diese Hoffnung macht ihr Mönchsein aus. Darum heißt es in einem Hymnus zur Vigil: "Komm, Herr Jesus, Maranatha. Du wirfst dein Feuer zur Erde und willst, daß es brennt, und wir sind der

Gebet und Arbeit gehören zusammen

Auf die Vigil folgen Laudes und darauf die gemeinsame Eucharistiefeier, die Konventmesse. Sie ist der zweite Grundpfeiler, der das klösterliche Leben trägt. Denn in ihr erlebt die Gemeinschaft die Gegenwart Gottes in ihrer Mitte, aus der ihre Hoffnung hervorwächst und sie zu einem "Bollwerk des Glaubens" werden kann. Nach der Konventmesse ist das Frühstück im Refektorium aufgedeckt. es erwarten uns schon die feinen Semmeln und das Schwarzbrot aus der Bäckerei, in dem unsere Mitbrüder fr. Gebhard und fr. Stephanus arbeiten. Fr. Gebhard liefert auch den Aufstrich - Honig von ca. 100 Bienenvölkern. Die Lehrer unter unseren Mitbrüdern schauen jetzt langsam auf die Uhr, sie müssen rechtzeitig in der Schule sein. Auch die anderen Mitbrüder gehen an ihre Arbeit: fr. Josef und fr. Nikolaus gehen in den Garten, fr. Bernhard in die Werkstatt, P. Theodor und P. Alexander in die Verwaltung, fr. Adalbert und fr. Gregor an die Pforte. Vier Mitbrüder haben einen ganz anderen Arbeitsbereich: sie sind in der Pfarr-, Jugend-, Krankenhaus- und Kurseelsorge tätig. Die verschiedenen Dienste und Aufgaben unserer Abtei umspannen ein breitgefächertes Arbeitsfeld. Die Arbeit ist der dritte Pfeiler unseres klösterlichen Lebens, weil in ihr der Mönch sich entfalten, sich für die Gemeinschaft einbringen und zum Lebensunterhalt beitragen kann.

Das gemeinsame Mahl und die Geistliche Lesung

Kurz nach Mittag läutet wieder die Konventglocke zum Chorgebet. Wir unterbrechen die Arbeit und versammeln uns zur Mittagshore, um innezuhalten und in Gottes Gegenwart wieder zur Ruhe zu kommen. So heißt es in einem Hymnus zur Sext: "Die Glut des Mittags treibt uns um, die Stunden eilen wie im Flug; du Gott, vor dem die Zeiten stehn, laß uns ein wenig bei dir ruhn". Im Anschluß ziehen alle schweigend ins Refektorium zum Mittagessen. Das gemeinsame Mahl der Mönche ist ein weiterer Pfeiler unseres Lebens, da es eucharistischen Charakter hat: Gebet, Schriftlesung, das gemeinsame Mahl und die abschließende Danksagung. Die Mahlzeiten dienen also nicht allein der Nahrungsaufnahme, und die Anwesenheit beruht nicht auf der Entscheidung des einzelnen. nach dem Essen zieht der Konvent noch einmal in die Chorkapelle zu einer Adoration (=Anbetung). Darauf zerstreut sich alles wieder und geht den Nachmittag über seiner Arbeit nach. Um 17.30 Uhr ziehen sich einige Mitbrüder zur Geistlichen Lesung, zur lectio divina, zurück, die anderen wählen dafür eine für sie günstigere Zeit des Tages; die Hauptsache ist die Regelmäßigkeit. Der Geistlichen Lesung mißt der hl. Benedikt sehr große Bedeutung zu. Der Mönch soll zur Ruhe kommen und sich in Gottes Wort versenken oder sich mit einem geistlichen Thema beschäftigen. Die Lesung ist seine geistliche Nahrung.

Brüderliche Gemeinschaft und klösterliche Einsamkeit

Nach vollbrachtem Tagwerk versammelt sich der Konvent um 18.00 Uhr zur Vesper: "Als Dank für den vollbrachten Tag, den deine Güte uns geschenkt, nimm an des Wortes heil'gen Dienst, den Lobgesang zu deinem Ruhm" (Vesper-Hymnus). Auf das gemeinsame Abendessen folgt die Rekreation, eine halbe Stunde gemütliches Beisammensein. Sie ist der sechste Pfeiler der Mönchsgemeinschaft, weil sich ein Konvent nicht nur als Gebets- oder bloße Arbeitsgemeinschaft versteht, sondern eben vor allem als Lebensgemeinschaft, in der sich der einzelne Mönch getragen, geborgen, aber auch gefordert weiß. Glaubend eilen sie gemeinsam voran auf dem Weg de Gebote Gottes (nach dem Vorwort der Regel), gemeinsam zeugen sie von der Liebe Gottes und gemeinsam hoffen sie auf die Verwirklichung des Reiches Gottes. Das Band, das alle Mitbrüder miteinander verbindet, ist trotz der verschiedenen Gaben und Aufgaben der einzelnen, die allen gemeinsame Mönchsprofeß. Zur Gemeinschaft zählen auch die bereits verstorbenen Mitbrüder. Darum wird deren am Ende der Rekreation um 19.30 Uhr zum Todestag gedacht. Für sie Psalm 130 betend ziehen wir in die Komplet, die den tag abschließende Gebetshore. In ihr erteilt der Abt jedem den Segen für die Nacht, womit das Stillschweigen bis zum Morgen beginnt, was aber nicht heißt, daß man gleich ins Bett geht. Es geht vielmehr darum, daß sich jeder in die Einsamkeit, dem letzten der sieben Grundpfeiler unseres klösterlichen Lebens, zurückzieht. Wer nicht gerade noch Unterricht vorbereiten muß, Pfortendienst hat oder seinen pastoralen Dienst versehen muß, kann die Fruchtbarkeit der Stunden in Einsamkeit und Stille wieder neu entdecken - bis am nächsten Morgen fr. Josef wieder läutet und der Vorbeter das Chorgebet, die Vigil eröffnet: "Herr, öffne meine Lippen, ..." Sonntags, montags, dienstags, ... Frühling, Sommer, Herbst und Winter - schon seit 1250 Jahren. Und das Leben geht weiter mit dem himmlischen Wunsch im Ottobeurer Stifterbild: Crescas in mille millia! - Mögest du wachsen tausend mal tausend Jahre!